Thema des Monats: Das Lederer-Interview

Die Akte Lederer – in diesem Monat hat kein anderes Thema die Pokergemeinde so sehr bewegt wie das als siebenteilige Videoserie veröffentlichte Interview von Matthew Parvis, einem der führenden Köpfe des Nachrichtenmagazins PokerNews, mit Howard Lederer, dem Gründungsmitglied und ehemaligem Co-Eigentümer von Full Tilt Poker.

Ein Pokerroom ohne Bankrollmanagement

Der erste Eindruck beim Verfolgen der Interviews bestätigt, was seit Mitte 2011 immer wieder vermutet worden ist: Wir haben es mit der umfangreichen Dokumentation einer überwältigenden Inkompetenz in finanziellen Fragen zu tun, die man bei mit allen Wassern gewaschenen Pokerspielern wie Ray Bitar, Chris Ferguson, Rafe Furst und Howard Lederer eigentlich nicht erwartet hätte. Von den allerersten Gründungstagen des Pokerrooms im Jahr 2001 an scheint die blanke Ahnungslosigkeit geherrscht zu haben, angefangen bei der Art, wie ein solches Unternehmen im Detail zu führen ist, bis hin zum Umgang mit den Geldern der Kunden. Kaum jemand scheint je ernsthaft bereits gewesen zu sein oder auch nur die Notwendigkeit gesehen zu haben Verantwortung zu übernehmen. Selbst die Gründungsmitglieder, die ja auch den Aufsichtsrat stellten, fühlten sich nach Lederers Worten selten zuständig, wenn es ums einfache Tagesgeschäft ging: „Wir dachten, unser Job wäre es, ab und zu mal anzurufen um zu sehen, wie es so läuft, und um über die Unternehmensziele zu reden … Zu keiner Zeit rechnete man damit, dass der Aufsichtsrat Tag für Tag beschäftigt sein würde.“

Alle sieben Videos hier: http://tinyurl.com/cc9jvc6 (gelistet von pokerfuse.com)

Als es um die Verteilung der in den ersten Jahren hereinströmenden Gelder ging, waren natürlich alle plötzlich sehr aktiv – im Handaufhalten. Nur ein einziger, so Lederer, machte eine Ausnahme: Chris Ferguson. Es ist eine der wenigen echten Überraschungen dieses Interviews, und dazu noch eine wohltuende, zu hören, dass „Jesus“ von Anfang an dagegen war, Auszahlungen in Zig-Millionenhöhe an das Management vorzunehmen.

Chris Ferguson

Zahlte als Einziger alles zurück: Chris Ferguson

„Chris … warnte, jede einzelne Auszahlung, die die Firma vornahm, würde sie auch schwächen … (er) hielt Auszahlungen für eine wirklich schlechte Idee, und im Nachhinein muss man ihm Recht geben“. Chris Ferguson selbst nahm 14 Millionen Dollar in Empfang, benutzte sie aber ausschließlich zur Förderung seines Charity-Projekts in Afrika und war später der einzige, der das erhaltene Geld wieder zurückgab. Ohne die Rückzahlung dieser Summe, so Lederer in Teil IV des Interviews, wäre PokerStars seiner Ansicht nach nicht an der Übernahme von Fll Tilt interessiert gewesen. Ray Bitar, Phil Ivey, John Juanda Erick Lindgren, und David Oppenheim seien zwar zur Rückgabe ihrer Ausschüttungen aufgefordert worden, hätten dies aber nicht getan.

Dass Howard Lederer selbst ebenfalls Dollar in zweistelliger Millionenhöhe erhalten und nicht rückerstattet hatte, wurde überraschenderweise von Matthew Parvis nicht thematisiert. Natürlich hagelte es dafür Kritik von allen Seiten. Überhaupt warfen ihm viele vor, er sei zu sanft mit seinem Interviewpartner umgegangen. Der Pokerjournalist hat mittlerweile auf PokerNews.com ausführlich Stellung zu vielen Vorwürfen genommen, von denen er sich übrigens etliche schon selbst gemacht hatte. So habe er mehrere wichtige Fragen nicht etwa bewusst ausgelassen um Lederer zu schonen, sondern sie seien ihm im richtigen Moment einfach nicht eingefallen, und mit dem jetzigen Erfahrungshintergrund würde er sich das nächste Mal noch um Vielfaches intensiver vorbereiten und auch wesentlich mehr Zeit für so ein Interview veranschlagen.

Kein Kreuzverhör

Bei aller zum Teil sicher berechtigten Kritik an der Art der Fragestellung: Das war ein Interview und keine Befragung vor Gericht. Erwartete denn wirklich überhaupt irgendjemand, der halbwegs Zwei und Zwei zusammenzählen kann, dass Lederer sich selber an den Pranger stellt, seine Sünden gesteht und darum bettelt, geteert und gefedert zu werden?

Matthew Parvis leistete mit diem siebenstündigen Gespräch echte Pionierarbeit. Etwas in dieser Art hat es in Sachen Poker noch nie zuvor gegeben. Wie inzwischen bekannt wurde, wird Howard Lederer von nun an in mehreren Medien Rede und Antwort zum Thema Full Tilt stehen. Und er wird sicher nicht der einzige aus der Führungsriege des Pokerrooms bleiben.

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